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Michel de Montaigne ist dank seiner gewitzten Gedanken auch heute noch lesenswert. Über die Briefratgeber seiner Zeit würde er das wohl nicht behaupten – ganz im Gegenteil: Bereits zu Lebzeiten wetterte er nur zu gerne gegen das gekünstelte Briefeschreiben seiner Zeitgenossen, schließlich sei er „ein geschworener Feind jeder Art Fälschung“ (womit er Unaufrichtigkeit meinte). Auch in dem bekannten Essay namens Betrachtung über Cicero widersprach er Erasmus von Rotterdam in skeptischem Ton, als es um die Formalien in einem Brief ging.

Montaigne 1578

https://de.wikipedia.org/wiki/Michel_de_Montaigne#/media/File:Montaigne_1578.jpg

Allen voran hielt Montaigne nichts von der stets empfohlenen wohlüberlegten Durchdachtheit, mit der man einen Brief verfassen soll. Progressiv wie er war, pochte er vielmehr auf eine ausdrucksstarke Spontanität, die durch seinen „vertraulichen“ Stil unterstrichen wurde.
„Vertraulicher“ Stil? Er hielt seine Schreiben für „zu kurz, unordentlich, unterbrochen und besonders“, um zu einem förmlichen Brief zu passen, und selbstverständlich misstraute er ohnehin den langwierigen „Complimentirbriefe[n], die nichts anders als zusammengeflochtene höfliche Worte sind“.

Auch von anderen weitverbreiteten (und mitunter leserfreundlichen) Ratschlägen hielt Montaigne wenig. So beauftragte er niemals einen professionellen Schreiber – ungeachtet der eigenen Aussage, dass er sich selbst „eine unerträglich schlechte Hand“ bescheinigte. Schließlich half sein schnelles Dahinkritzeln beim unreflektierten Schreiben – und je weniger er über den Brief nachdachte, desto besser gelang dieser:

„Ich habe die Grossen, so mich kennen, gewöhnet, daß sie es leiden, wenn ich darinnen auskratze, und das Papier ungebrochen und ohne Rand lasse. Diejenigen Briefe, die mich die meiste Mühe kosten, taugen am wenigsten. So bald als ich langsam schreibe, so ist diß ein Zeichen, daß ich meine Gedanken nicht drauf habe. Ich fange gern an, ohne vorher zu wissen, was ich schreiben will. Der erste Gedanke bringt den andern hervor.“

Aufgrund seines stürmischen Denkens graute es Montaigne natürlich vor den blutleeren Begrüßungs- und Abschiedsfloskeln seiner Zeit:

„Die Briefe ietziger Zeit enthalten mehr an Einkleidung und Vorreden, als an Sachen“, beschwerte sich der Philosoph. Außerdem habe er höchst bewusst jedes Schreiben an „Justitz und Kammer [=Finanz-]Bediente“ vermieden – aus Sorge, Fehler bei ihrer Anrede zu begehen.

Und zum Schluss noch Montaignes Kritik am damaligen Briefschluss:
„Ebenso wollte ich auch gern, wenn die Materie aus ist, einem andern die Mühe übergeben, diese lange Komplimente, Dienstbezeugungen, und Bitten, womit wir schliessen, hinzu zu setzen, und wünschen, daß eine neue Gewohnheit uns dieser Last überhübe.“

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