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1938 erschien in Shanghai ein mehr als kurioses Handbuch, der ›Key to English Letter Writing‹. Die Verfasser Chen Kwan Yi und Whang Shih entwarfen einen Ratgeber, der Chinesen den Briefverkehr mit Engländern und Amerikanern erleichtern sollte. Dieses Ziel wurde zwar nur sehr eingeschränkt erreicht, doch die fantastischen Einblicke in chinesische Briefbräuche sind eine mehr als lohnende Entschädigung.

Erste Sympathiepunkte sammelt der Briefratgeber durch eine empfohlene Großzügigkeit, die ein wenig befremdlich wirkt. Das Thema ist eine angemessene Gratulation zu einer Hochzeit:

»Ich habe von Mr. B erfahren, dass Sie letzten Mittwoch Miss C geheiratet haben. Ich erbitte Ihre Annahme der beiliegenden Fische als ein belangloses Unterpfand meiner Wertschätzung.«

Aber da eine Ehe oftmals mit Kindern endet (im übertragenen Sinne, versteht sich), gilt es natürlich, auch bei einer etwaigen Geburt nicht zu geizen:

»Erlauben Sie mir, Ihnen zur Geburt eines Kindes in Ihrer Familie zu gratulieren. Ich erbitte Ihre Annahme des beiliegenden Korbes mit gemischten Fischen, die ich Ihnen zur Feier des freudigen Ereignisses übersende.«


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Der Verdacht liegt nahe, dass ein Fischgeschenk die alleinige Geschenkwährung sei. Allerdings erfüllen die Chinesen auch gerne andere Klischees, wie die Empfehlung bzgl. einer Gratulation zur Anwaltszulassung zeigt:

»Sir, mit Vergnügen erfahre ich, dass Sie Ihre Zulassung als Anwalt erhalten und sich eine private Kanzlei eingerichtet haben (…). Nehmen Sie bitte das beiliegende Fahrrad als schlichtes Zeichen meiner Wünsche für Ihren künftigen Erfolg entgegen.«

Aber leider besteht das Leben nicht nur aus Festivitäten und Höhepunkten – was die Ratgeberautoren jedoch nicht davon abhielt, auch zu Tragödien einen Gratulationsvorschlag zu unterbreiten:

»Das Feuer, das letzte Nacht in Ihrer Nachbarschaft ausgebrochen ist, muss bei Ihnen beträchtliche Unruhe ausgelöst haben (…)«, erklärt der Brief, bevor es zur kuriosen Wende kommt: »Ich habe mit großer Freude vernommen, dass Ihr Haus den Flammen entgangen ist (…). Nehmen Sie bitte das beiliegende Dutzend Champagnerflaschen mit den besten Glückwünschen entgegen.«

Aber auch beim Verschenken kann man Sympathien verschenken, besonders wenn eine amouröse Annäherung eines Herrn als verfrüht empfunden wird.

»Im gegenwärtigen Stadium unserer Beziehung zueinander«, so sollte eine Dame einem drängelnden Casanova schreiben, »fühle ich mich nicht berechtigt, Geschenke anzunehmen, die meiner Meinung nach nur mit Freundschaften von großer Intimität und langer Dauer verträglich sind.«

Wem das Ganze ein bisschen weltfremd vorkommt, der sei beruhigt: ›Key to English Letter Writing‹ enthält auch Kurzformen gängiger westlicher Namen, die dafür sorgen sollen, dass der Briefwechsel freundschaftlicher ausfällt. So soll man einen Freund namens Charles doch lieber als »Chaos« bezeichnen, der Kumpel Thomas wird zu »Jommy« und hinter »Steenie« steckt natürlich niemand anderes als der, sicherlich stirnrunzelnde, Stephen.


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