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Da sie, wie im letzten Beitrag erwähnt, nicht durchweg von der Zensur überwacht werden konnten, eignen sich Frontbriefe also bis zu einem gewissen Grad als Quellen zu einer „Militärgeschichte von unten“ aus dem Blickwinkel der „einfachen Rekruten und Soldaten“, die den verstaubten Narrativen „großer Feldherren“ und ihrer „glorreichen Schlachten“ entgegengehalten werden kann. Ferner verraten sie eine Menge über die unter einzelnen Truppen aufkommenden Befindlichkeiten und Stimmungen und somit darüber, inwiefern die fürchterliche Tötungsmaschinerie des modernen Krieges mit seinen hochtechnisierten Waffen überhaupt noch in irgendeiner Weise als sinnvoll betrachtet werden konnte. Und schließlich geben sie nicht selten Auskunft über internalisierte Ideale von Kameradschaft und Männlichkeit oder nicht zuletzt die verinnerlichten Geschlechterbilder.

Vor allem sind unzählige Schriftstücke, die zwischen Front und Heimat hin- und hergingen, jedoch beredte Zeugnisse einer nie enden wollenden Sehnsucht sowie höchster Hoffnungen – der Sehnsucht, sowohl auf Seiten der Frontkämpfer als auch der zu Hause ausharrenden Familienangehörigen, endlich wieder vereint zu sein, sowie der großen Hoffnungen auf die Zeit nach dem Krieg, auf ein Leben ohne permanente Angst und nunmehr fast tägliche Schrecken.

In ebendiesem Sinne liest sich auch der während des Zweiten Weltkriegs zu Papier gebrachte Briefwechsel zwischen dem beim Royal Corps of Signals, also der britischen Fernmeldetruppe eingesetzten Telefonisten Chris Barker und seiner ehemaligen Arbeitskollegin und immer engeren Freundin Bessie Moore, wobei ebenjene Korrespondenz noch eine zutiefst anrührende Besonderheit aufweist: Die beiden Briefpartner, die sich zunächst eher oberflächlich kannten, kamen sich im Laufe der Zeit stetig näher, sodass sich allein aufgrund der schriftlichen wechselseitigen Darlegung von Vorstellungen, Gefühlen, Sehnsüchten und Gedanken eine regelrechte Liebesbeziehung entspann. Das gegenseitige Verlangen nach nächster Nähe nicht nur im Geiste steigerte sich am Ende so sehr, dass Chris im April 1944 seine nunmehr engste Vertraute schließlich wissen ließ: „Wie nah sind wir uns trotz der Entfernung, wie fern von einer Berührung wegen ihr, Bessie; Liebste, Geliebte, Frau.“

Feldpost

Bessie Moore und Chris Barker

Bildquelle: http://www.bbc.co.uk/programmes/b05r78dw

Nun, wie es mit dieser beständig wachsenden Liebe, die zunächst auf nicht mehr als dem eifrig niedergeschriebenen und in etlichen Umschlägen hin- und hergesandten Wort basierte, weiterging, fragt man sich da? Wer es wissen will, kann die schönsten Auszüge ebenjener Korrespondenz zwischen Chris und Bessie in Simon Garfields neuem Buch über Briefe lesen, die der Autor dort in regelmäßigen Abständen zwischen die einzelnen Kapitel seiner Darstellung eingeflochten hat.

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