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Lewis Carroll schrieb nicht nur den Kinderbuchklassiker „Alice im Wunderland“, er war auch ein gewiefter Geschäftsmann. Beispielsweise brachte er ein Etui für Briefmarken heraus („Das Wunderland-Etui für Briefmarken“), das auch einige Regeln für das Schreiben eines gelungenen Briefes enthielt.
Gleich zu Beginn zeigt Carroll, dass er mit Menschen redet, die in ihrem Leben wenig Erfahrungen mit Briefen gemacht haben…

„Wenn der Brief die Antwort auf einen anderen sein soll,
fangen Sie damit an, dass Sie diesen anderen Brief hervorholen und
durchlesen“, so begann er, „um Ihr Gedächtnis aufzufrischen, worauf
Sie zu antworten haben und wie die augenblickliche Adresse
Ihres Empfängers lautet (sonst schicken Sie Ihren Brief an seine
übliche Adresse in London, obwohl er so aufmerksam war, Ihnen
ausführlich schriftlich seine Adresse in Torquay mitzuteilen).“

Lewis Carroll Selbstportrait

https://en.wikipedia.org/wiki/Lewis_Carroll#/media/File:Lewis_Carroll_Self_Portrait_1856_circa.jpg

Als nächstes sollte man den Umschlag adressieren und frankieren, bevor man überhaupt damit anfing das Schreiben zu formulieren. Kurios? Vielleicht.

„Und ich sage Ihnen, was passiert, wenn Sie das nicht tun“, prophezeite Caroll.

„Sie schreiben und schreiben weiter bis zum letzten Augenblick, und gerade
in der Mitte des letzten Satzes wird Ihnen bewusst, dass ›die Zeit um
ist‹! Und dann kommt der eilige Schluss, die wild hingekritzelte Unterschrift,
das eilige Verkleben des Umschlags, der in der Post dann wieder
aufgeht, die Adresse, nichts als eine Hieroglyphe, die schaurige Entdeckung,
dass Sie vergessen haben, Ihr Briefmarkenetui nachzufüllen, die
verzweifelte Bitte an jede Person im Haus, Ihnen eine Marke zu leihen,
der rasende Lauf zum Postamt, wo Sie schwitzend und keuchend ankommen,
gerade als der Schalter geschlossen ist, und am Ende, eine Woche
später, die Rücksendung des Briefes aus der Briefermittlungsstelle mit
dem Vermerk ›Anschrift unleserlich‹!“
So weit, so gut. Doch was gilt es beim eigentlichen Texten zu beachten?

Schreiben Sie leserlich. Das durchschnittliche Temperament des Menschengeschlechts würde sich merklich besänftigen, wenn jeder dieser Regel beherzigte! Ein Großteil der schlechten Schrift auf der Welt kommt einfach daher, dass man zu schnell schreibt. Natürlich werden Sie antworten: ›Das mache ich, um Zeit zu sparen.‹“
Caroll lässt Zeitmangel nicht als Argument gelten und verweist auf seine eigenen Erfahrungen mit der Schmiere seiner Freunde:
„Wenn alle Freunde so schrieben, dann verbrächte man das ganze Leben damit, ihre Briefe zu lesen!“

Aber zu guter Letzt liefert er auch einige Worte der Weisheit, die sich auch auf unseren alltäglichen E-Mail-Verkehr anwenden lassen. So soll man beispielsweise einen vielleicht beleidigenden Brief einen Tag lang beiseitelegen um
ihn danach so zu lesen, als sei man selbst der Empfänger. „Das wird häufig dazu
führen, dass Sie ihn ganz von vorne schreiben, viel Essig und Pfeffer
dabei weglassen und statt dessen Honig zugeben.“

Carrolls weitere Regeln:

Wenn Ihr Brieffreund eine strenge Bemerkung macht, ignorieren Sie sie
entweder oder mildern Sie Ihre Antwort ab; ist Ihr Freund freundlich,
machen Sie Ihre Antwort noch freundlicher.
Versuchen Sie nicht das letzte Wort zu behalten: lassen Sie eine Debatte
höflich ihren Lauf nehmen. Denken Sie daran: „Reden ist Silber, Schweigen
ist Gold!“ (Anm.: Falls Sie ein Herr sind und an eine Dame schreiben,
ist diese Regel überflüssig: Sie werden nicht das letzte Wort haben!)
Sollten Sie Ihren Freund je zum Spaß beleidigen, machen Sie das überdeutlich.
Wenn Sie schreiben, dass Sie einen Scheck oder den Brief eines anderen
beilegen, legen Sie einen Augenblick lang den Stift weg – gehen Sie das
erwähnte Dokument holen – und stecken Sie es in den Umschlag. Andernfalls
können Sie ziemlich sicher erwarten, es herumliegen zu sehen,
wenn die Post abgegangen ist!
Ist das Blatt voll, suchen Sie ein neues: Was Sie auch tun, schreiben Sie
nicht quer über Ihre Zeilen! Erinnern Sie sich an das alte Sprichwort „quer
geschrieben, verquer gelesen“.
[Carroll gestand übrigens, dieses Sprichwort selbst erfunden
zu haben.]

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