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Das Medium Brief repräsentiert eine intime Kommunikation zwischen Absender und Empfänger. Diese Vertraulichkeit nutzt der Briefroman, um den Leser an der Gefühlswelt seiner Romanfiguren ohne vermittelnde Zwischeninstanz teilhaben zu lassen.

Briefromane gab es bereits in der Antike. Häufig dienten diese der literarischen Präsentation philosophischer Themen. Ein bekanntes Beispiel sind die so genannten ›Sokratikerbriefe‹. Hierbei handelt es sich um eine fiktive Briefsammlung, als deren Verfasser Sokrates und einige seiner Schüler figurieren.

Seine Hochphase erreichte das Genre jedoch im 18. Jahrhundert, in dem der Brief im bürgerlichen Umfeld zum bestimmenden Kommunikationsmedium aufstieg. Das Zeitalter der Empfindsamkeit maß der Forderung nach Darstellung subjektiver und unmittelbarer Gefühle in der Kunst eine zentrale Rolle bei. In der fiktiven Privatheit des Briefromans fand es seine ideale Ausdrucksform.

Die literarische Gattung zeugt darüber hinaus vom gewachsenen Selbstbewusstsein eines europäischen Bürgertums, das sich in seinen Denkweisen und Tugenden vom Adel emanzipierte. Bis ins 19. Jahrhundert erwies sich der Briefroman als geeignetes Medium zur Manifestation und Verbreitung bürgerlicher Normen und Werte.

Bekannte Beispiele dieser Art des Erziehungsromans sind ›Pamela oder die belohnte Tugend‹ von Samuel Richardson (1740) oder ›Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim“‹(1771) von Sophie von La Roche. ›Die Leiden des jungen Werthers‹, das 1774 erschienene Werk Johann Wolfgang von Goethes, gilt bis heute als der wohl bekannteste empfindsame Roman in Briefform.

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Mit der Entstehung moderner Erzähltechniken wie erlebter Rede oder innerem Monolog im 19. Jahrhundert verloren Briefromane in ihrer Funktion als Medium des Unmittelbaren und Subjektiven an Bedeutung. Dennoch gerieten sie bis heute nie gänzlich aus der Mode.

Im Zuge der digitalisierten Kommunikationswege entwickelte sich als verwandte Kunstform der E-Mail-Roman. Wie beim Briefroman liegt der Fokus bei diesem auf dem unmittelbaren Austausch zwischen den Romanfiguren.

BS

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