Schlagwörter

, , ,

Manch einem galt und gilt die höfische Gesellschaft, wie sie sich um den Sonnenkönig Ludwig XIV. herausbildete, als bemerkenswerter Meilenstein in einem beständig voranschreitenden „Prozess der Zivilisation“, der die Menschen einem stetig besser geregelten Miteinander entgegenführt. Demnach prägten Haltung, Stil, Etikette und eben Höflichkeit seitdem immer deutlicher den sozialen Umgang besonders in den gesellschaftlichen Oberschichten. Dass sich hinter der glänzenden Fassade der Aristokratie allerdings auch persönliche Abgründe verbargen, dass der gehobene Umgangston die Akteure gleichwohl keineswegs davon abhielt, in der Auseinandersetzung um Macht und Einfluss die eigenen Interessen rücksichtslos und auf Kosten anderer durchzusetzen, darüber berichten etliche Briefe der Schwägerin des absolutistischen Monarchen aus Frankreich.

Herzogin Elisabeth Charlotte von Orléans, bis heute meistens einfach nur Liselotte von der Pfalz genannt, nahm in ihrer vom französischen Hof ausgehenden Korrespondenz insbesondere an Ihre Tante, die Kurfürstin Sophie von Braunschweig-Lüneburg (zugleich ebenfalls eine „Prinzessin von der Pfalz“), immer seltener ein Blatt vor den Mund. Wie sehr Liselotte unter den heuchlerischen Ränken und Intrigen der sie umgebenden Hofschranzen sowie sogar der engsten Entourage des Königs zu leiden hatte, schilderte Sie hier stets aufs Neue. Der obersten Mätresse Ludwigs XIV., Madame de Maintenon, nahm Sie es vor allem übel, dass diese gleich mehrfach versuchte, ihr sowohl die Erzieher als auch die Heiratskandidaten ihrer Kinder vorzuschreiben, wobei die Maintenon den Sonnenkönig höchstpersönlich dazu bewogen haben soll, entgegen dem Willen der Herzogin zu intervenieren. Ihr Mann, Herzog Philipp I. von Orléans, verlustierte sich derweil mit etlichen Favoriten und brachte dabei nicht zuletzt auch das Vermögen seiner Gemahlin und Kinder durch, wie es Elisabeth Charlotte in einer Schilderung über „Monsieur“, wie sie ihren Gatten in der Regel bezeichnete, recht drastisch darstellte:

„(…) Will bey Monsieur anfangen: der hat nichts in der welt im kopf als seine junge kerls, umb da ganze nächte mit zu fressen, zu saufen, und gibt ihnen unerhörte summen gelds, nichts kost ihm noch ist zu teuer vor die bursch; unterdessen haben seine kinder und ich kaum was uns nötig ist.“

(Brief an die Kurfürstin Sophie, Versailles, 7.3.1696, in: Helmuth Kiesel (Hrsg.), Briefe der Liselotte von der Pfalz, Frankfurt a. M. 1981, S. 109.)


htttps://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/92/Liselotte_von_der_pfalz.jpg

Überhaupt wird aus dem Briefwechsel deutlich, welch unglückliche Ehe Liselotte mit dem ihr wohl eher zwangsweise und eben (wie damals üblich) vorwiegend aus dynastischen Gründen angetrauten Gemahl führte. Weder über langfristig zu treffende Entscheidungen noch über die Bewältigung der kleineren Probleme des Alltags scheint sich das Paar jemals wirklich einig geworden zu sein. Auf ein und derselben Ebene traf man sich immerhin dann (und das war selten genug), sobald man sich einmal gemeinsam auf eher kindische Art und mit derbem Humor über den Zwang der höfischen Konventionen und Etikette hinwegzusetzen traute. So berichtete es die Herzogin von Orléans jedenfalls in ihren Briefen:

„Ich kann nicht lassen, E. L. ein schön dialogue zu verzehlen, so Monsieur und ich vergangen gehalten; ich wollte, daß dieses E. L. so von herzen könnte lachen machen, als meine 2 kinder. Wir waren alle 4 abends allein hier im cabinet nach dem nachtessen, nemblich Monsieur, ich, mein sohn und mein tochter. Monsieur, so uns eben nicht vor eine gute compagnie genung hielte, mit uns zu reden, ließ nach langem stillschweigen einen großen lauten furz met verlöff met verlöff, drehte sich zu mir und sagte: »quetce que cela, Madame?« Ich drehte den hintern zu ihm, ließ einen streichen in selbigem ton und sagte: »c’est cela, Monsieur«. Mein sohn sagte: »s’il ne tient que cela j’en ay auttant d’envie que Monsieur et Madame«, und ließ´ auch einen braven gehen. Damit fingen wir alle an zu lachen und gingen alle aus dem cabinet heraus. Das seind fürstliche conversationen, wie E. L. sehen.“

(Brief an die Herzogin Sophie, Versailles, 1.1.1693, in: Helmuth Kiesel (Hrsg.), Briefe der Liselotte von der Pfalz, Frankfurt a. M. 1981, S. 95f.)

Mehr über Liselotte von der Pfalz und ihre Korrespondenz erfährt man auch in Simon Garfields „Briefe! – Ein Buch über die Liebe in Worten, wundersame Postwege und den Mann, der sich selbst verschickte“.

Advertisements